Gedanken zum Tag. Vom unterem Rand. Yeah.


01.05.1865 Eröffnung der Wiener Ringstraße*
(die Ursprungsdatei des Bildes ist gemeinfrei)

Auf Seite 10 der Taz vom 22./23.April ist ein Text mit dem Titel „Gedankenübertragung“, in dem berichtet wird, dass die Entwicklungsabteilung der Gesichtsbücherei, ich zitiere wörtlich, „… an einer Technologie arbeitet, die Gedanken direkt in Text umsetzen soll. Mittels Sensoren, die an der Kopfhaut angebracht werden. So sollen wir irgendwann bis zu 100 Wörter pro Minute direkt in den Äther hineindenken können.“

Manchmal kommt ein Gefühl in mir hoch, das ich schon des Öfteren zu beschreiben versucht habe etwa als das menschliche Grundbedürfnis, in die Gruppe integriert sein zu wollen, die man im eigenem Soziotop als tonangebend empfindet, ganz vorn  mitmachen zu wollen, wo die wesentlichen Tendenzen sind und der Zeitgeist poltert usw.

Ich halte dieses Gefühl zuweilen für wichtiger als das Streben nach Macht und Reichtum, ja, mir scheint oft (der Klient sieht sich am Tag der Arbeit neuerlich als Arbeiterführer, im Unbewusstem; auch dies jedoch ist störungsspezifisch, wir berichteten), dass zum Beispiel oder gar vor allem Geld dazu dient, in eben jene eben oben angedeutet erwähnten Kreise zu gelangen.

Macht heißt womöglich nicht, Land und Fabriken und Geld usw. zu besitzen, sondern andere Menschen dazu bringen zu können, die eigenen Wahrnehmungsmuster zu übernehmen, bestenfalls durch demokratischen Disput, schlimmstenfalls durch Terror; Land und Fabriken und Geld usw. dienen „nur“ dazu, den materiellen Rahmen oder Background für die Möglichkeit dieser Weitergabe von Mustern der Weltwahrnehmung zu schaffen.

Seit geraumer Zeit glaube ich, dass auch das Problem schulischer Unterweisung Halbwüchsiger sich mittelfristig erledigt haben könnte in der Weise, die den Kapitalismus unter anderem erfolgreich zu machen scheint, indem nämlich psychologische Probleme durch Technik gelöst werden.

Ich stelle mir vor, dass in nicht allzu ferner Zukunft jedermann beliebig oft Wissen aus einer Art Cloud in sein Gehirn laden und auch wieder löschen können wird. Plant man beispielsweise, ein Haus zu bauen, lädt man alles dazu nötige Wissen über Bauphysik, Baustoffe, Architektur usw. herunter und löscht dieses Wissen wieder, wenn das Haus steht. Das hat natürlich wieder etwas von Aitmatows Mankurt, aber… – siehe den Taz-Artikel. Der seit Jahrtausenden gepflegte Brauch, Menschen in der Blüte ihres Lebens an fünf Tagen in der Woche in mehr oder weniger gut ausgestatteten und mehr oder weniger gut gelüfteten Unterrichtsräumen zu konzentrieren, wo sie den mehr oder weniger gekonnten Darbietungen von Lehrberechtigten zu folgen mehr oder weniger gezwungen sind, wäre damit endgültig erlegt, Pisa wäre gegenstandslos usw.

* Durch unseren herrlichen Kaiser… *hüstel*