„Epochen-Verschleppung“

Ein grandioses Wort von Gregor von Rezzori… Manchmal scheint ein Wort zu genügen, um zu zeigen, dass der Wortschöpfer einen Blick  hat, und das gilt natürlich auch für Wortschöpferinnen, etwa Christa Wolf mit „Kindheitsmuster“  (aber dazu ein anderes Mal, ganz vielleicht).

Natürlich ist mir klar, dass man (man, nicht nur ich, Frau Dr. Anna Lyse!), immer „passende“ Details da draußen findet, wenn man erst einmal Wahrnehmungsmuster entwickelt hat, die dazu beizutragen scheinen, in der Welt einigermaßen klar zu kommen, und dennoch und erst recht bin ich immer wieder verblüfft über solche Beobachtungen und Wahrnehmungen.

Dergleichen erlebe ich zudem nicht nur bei Werken, die erklärtermaßen quasi anachronistisch sind, wie etwa „Fanny und Alexander“  oder „Grand Budapest Hotel“*, sondern auch völlig unerwartet, zum Beispiel bei der televisionären Wahrnehmung der Winkelgasse in der Welt von Harry Potter, als ich so schnell und deutlich wie noch nie den Gedanken hatte, da würde nicht nur eine fantastische Welt kreiert, sondern auch oder vor allem eine untergegangene Welt rekonstruiert, und zwar vor allem atmosphärisch, nicht nur, was das „Bühnenbild“ anging usw.

Bei „Syberia“ scheint mir das noch deutlicher, und der irgendwie doch, igitt, dialektische  Witz scheint darin zu bestehen, dass gerade bei bzw. mit aktuellen Hochtechnologien diese Epochen-Verschleppung praktiziert wird; das ganze Game verströmt dieses Flair einer verlorenen Welt.

Ich weiß, dass das resigniert, fatalistisch, vielleicht zynisch usw. klingt, aber diese meine Wahrnehmungen beim Lesen und Filmsehen scheinen mir immer wieder zu bestätigen, dass nach dem Untergang des Bürgerlichen („bürgerlich“ im besten, progressivem Sinne des Wortes!), nach dem „Fallen des Vorhangs“  (Thomas Mann), nichts Ähnliches oder gar Gleichwertiges entstanden ist, oder vielleicht besser gesagt, entwickelt wurde; es gab diese zwei grotesken Großversuche in Braun und in Rot, und jetzt leben wir in einer Patchwork-Kultur, in der in abertausenden Cover-Versionen in Jahrtausenden angesammelte Kulturwerte… äh… verarbeitet werden.

* Übrigens kein Tippfehler – das Teil heißt in der Tat nicht „Grand Hotel Budapest“