Die Fragmentalität des Au-Tors

Wieder nichts zu Ende gebracht, wieder nur ein Bruchstück. Ich frage mich sowieso, was gerade abgeht; ich schreibe fast gar nichts mehr, außer Einkaufszettel, und „mache Musik“ (ich weiß nicht genau, was ich von den Soundpics halten soll, deshalb die Anführungsstriche). Vermutlich wieder das Unbewusste, hä-ähm (bei meinen Soundbasteleien bringe ich ja was zu Ende – Trick 17 mit Selbstüberlistung, hähä). Ich hegeliere ein wenig! Angestrebt wird das Umschlagen angesammelter Quantitäten in eine neue Qualität. Und so. Hä-ähm!

Kurz gesagt („Sie reden zuviel, Herr Koske!“) – der Bürger und Blogger Trithemius hat wieder einmal ein gar ergötzliches Erzählprojekt begonnen, und da dachte ich, ich könnte auch immer einmal wieder versuchen, mich aus sicherer Entfernung in Gruppenaktivitäten einzuordnen. Oder so. (… Geltungsdrang – wir berichteten…)

Falls das jemand liest – häff fann!

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Die Läden meiner Kindheit

Die Aussage „Wir gehen in die Stadt“ hat mich schon früh amüsiert – wo war denn „die Stadt“? Wir waren doch „in der Stadt“, und selbst, wenn man damit sagen wollte, sich auf dem Weg ins Stadtzentrum begeben zu wollen, war die Aussage unzutreffend oder jedenfalls ungenau, denn dieses Zentrum war zehn Minuten Fußweg entfernt, und das auch nur, wenn man sehr langsam ging.

Zudem erfolgte dieses in die Stadt gehen in mehreren Abschnitten. Wenn ich aus der Tür unseres Hausaufganges trat und mich nach rechts wandte, musste ich nur an zwei Wohnblöcken vorbei, bis ich den ersten Laden erreichte. Es handelte sich eigentlich um eine unterbrochene Ladenzeile. Westlich des Theaters war der Bauernmarkt, nicht typisch für unsere Menschen, aber geduldet, wenn nicht gefördert, weil zur Versorgung mit Obst und Gemüse beitragend.

Die dem Theater gegenüberliegende Seite des Platzes wurde zu je einem Drittel von einer solchen Reihe aus zwei oder drei Läden begrenzt, während das mittlere Drittel unbebaut geblieben war und Durchgang und Durchfahrt auf den Platz ermöglichte. Ein fast quadratischer Hof, und in der nördlichen Ladenreihe, die ich von unserem Wohnblock aus zuerst erreichte, waren ein Lebensmittelladen und, wenn ich mich recht entsinne, ein Fleischer-Geschäft. Ich weiß, dass ich häufig in diese Läden geschickt wurde, insbesondere, wenn etwas auf die Schnelle gebraucht wurde, kann mich aber an keine dieser Episoden erinnern; erinnern kann ich mich nur daran, dass ich sehr häufig von diesen Läden träumte.

Überquerte man den Platz in östlicher Richtung, zum Theater hin, gelangte man über je eine Treppe links und rechts des Theaters auf zwei kleine Vorplätze, eigentlich eine Art „Hinterhöfe“ des Theaters, dessen repräsentativer Charakter dadurch verstärkt wurde. Vom Bauernmarkt aus rechts befanden sich ein Heimwerker- und ein Möbelmarkt, von denen mindestens einer sich über zwei Etagen erstreckte, wodurch er mir als Kind riesig erschien. Mit diesen Läden waren sehr angenehme Gefühle verbunden, da ich sie meist mit meinem Vater betrat, der sich dann in bester Stimmung befand, weil er sich ein Werkzeug oder dergleichen kaufte.

Auf die Treppen hinter dem Theater trifft das Gegenteil zu, weil mich mein Vater zwang, auf ihnen mit dem Schlitten hinunter zu fahren, wenn die Treppen vereist waren, da er überzeugt war, ich müsste abgehärtet werden. Es ging dabei weniger um mögliche oder tatsächliche körperliche Verletzungen, sondern um seelische; der Mensch, den ich wahrscheinlich in meinem Leben am meisten geliebt habe, unterzog mich immer wieder solchen Prüfungs- und Initiationsritualen.

Zum Vordereingang des Theaters gelangte man durch zwei kleine tunnelartige Durchgänge, und in dem einem, dem auf der Seite des Heimwerkerladens, hing ein Automat an der Wand. Ich weiß allerdings nicht mehr genau, ob es ein Zigarettenautomat war oder ein Automat mit Süßigkeiten, oder ob beide Automaten zu verschiedenen Zeiten dort hingen. Für mich war dieses Gerät, von dem ich gleichfalls mehrfach träumte, ein Inbegriff von Weltläufigkeit und Wohlstand, ohne dass ich das derart klar ausdrücken konnte und wollte, dennoch ich es deutlich empfunden habe.

Auf dem Vorplatz des Theaters war man bereits in der Stadt, hier war die Magistrale mit zahlreichen Läden; die eigentliche Ladenstraße aber, die jetzt auch Ladenstraße heißt, verläuft weiter östlich als erste Parallelstraße zu dieser Hauptstraße im mehrfachem Sinne.

Diese Ladenstraße war auf den ersten Blick etwas Typisches, bei genauerer Betrachtung das Gegenteil. Fünf Minuten Fußweg entfernt befand sich die Kaufhalle „Fix“, eine kleine Sensation, weil mit Selbstbedienung, und hier nun, in diesem Flachbau mit einem halbem Dutzend Läden, gab es das „alte“ Angebot, mit Bedienung.

Aber diese kleine Ladenstraße war eine Art gesellschaftliches Zentrum, was sogar oder gerade ich als teilzeitautistischer Vierkäsebreit wahrgenommen habe. Es kamen viele Leute, sie kamen häufig, und sie kamen gern, und nicht nur, um einzukaufen, zumal sich vor dem Laden ganz rechts ein gleichfalls sensationeller öffentlicher Münzfernsprecher befand.

Es war nicht ganz klar, ob das typisch für unsere sozialistischen Menschen war; Walter Ulbricht persönlich hatte sich beschwert, unter anderen Funktions- und Entscheidungsträgern, dass die um die Ladenstraße herum errichteten Wohnblöcke unseren Menschen nicht angemessen wären, worauf dann die beinahe prächtigen Riesenhöfe entstanden, die noch heute zu Recht und ohne Ostalgie angestaunt werden, auch zum Beispiel von Architekturstudenten.

Dann waren da aber gewissermaßen Risse oder Brüche im Bild. Ich erinnere mich an große „silberne“ Milchkannen, die auf Brettergerüsten oder am Bordstein standen und regelmäßig abgeholt und durch volle Kannen ersetzt worden sind. Dergleichen kannte man nur vom Hörensagen, oder aus dem Film, vom Dorf, von früher.

Noch seltsamer war das Erscheinen eines – Scherenschleifers… In unregelmäßigen Abständen, und sogar im Winter, stand da vor den Läden, gleichfalls am Bordstein, ein Scheren- und Messerschleifer mit seiner auf einer Art Handwagen aufgebockten „Maschine“, die er per Fußpedal antrieb, wenn ich ich mich recht entsinne, und erfreute sich als offenbar versierter Vertreter eines selbst in über Jahrhunderte gewachsenen Städten aussterbenden Gewerbes regen Zulaufs.

Da spielte in nicht zum Gesamtbild zu passen scheinenden Details etwas in die Gegenwart einer aus dem Boden gestampften Stadt hinein, was auf abgebrochene Kontinuität historischer Entwicklung deutete. Erst sehr viel später wurde mir bewusst, dass ich den Anschluss an diese Kontinuität gesucht hatte, aber ich bin mir sicher, dass ich nicht rückwirkend verfälsche mit der Erklärung, diese Sehnsucht schon damals unklar gespürt zu haben.

Es gab in dieser Ladenzeile, und nie schien mir der Begriff „Zeile“ treffender als hier, auch einen Fischladen. Einmal, als ich als Vorschulkind meine Mutter bei ihren Einkäufen begleitete (oder besser gesagt, mitzugehen gezwungen war und wurde), erlebte ich dort eine Art „erste Hilfe“ für einen Jungen in meinem Alter, der zu viel Süßigkeiten gegessen und sich auf den gekachelten Boden des Ladens erbrochen hatte; es handelte sich offenbar um diese mit Zuckerwasser gefüllten Mini-Ostereier, von denen er wohl eine ganze Tüte hatte leeren dürfen.

Diese Redewendung, nach der verletzte Kinder eher Schokolade bekämen, kannte ich damals noch nicht, aber ich wurde beinahe geschüttelt von einem Gefühlsgemisch aus Ekel und Bewunderung, vor allem war ich rasend neidisch; einmal, weil der Junge so viel Süßigkeiten bekommen hatte, und dann, weil er im Ergebnis dieses übermäßigen Genusses im Mittelpunkt öffentlichen Interesses und vielmütterlicher Zuwendung stand. Neid und Eifersucht aber waren „böse“ und daher unerwünschte, wenn nicht verbotene Gefühle, was mein Unbehagen verstärkte.

Nicht, dass ich nicht gelegentlich Süßigkeiten erhielt! Dafür gab es ein Spezialgeschäft auf der von unserem Wohnblock aus gesehen rechten Seite der Hauptstraße der Retorten- und Modellstadt. Erst viele Jahre später begriff ich, dass viele der durch die Medien dröhnenden Phrasen in dieser Stadt insofern keine waren, als die Versorgung mit Lebensmitteln und Konsumgütern zumindest in deutlichen Ansätzen besser war als sonst in diesem seltsamen und bemerkenswerten eingemauertem Ländchen.

Wenn ich artig gewesen war (und wiederum ist es keine retrograde Verfälschung, wenn ich behaupte, dass mir dieses Wort damals schon auf den Zeiger ging), d. h., möglichst unsichtbar, kaufte mir meine Mutter dort eine Kanonenkugel, eine gelbe, rote oder grüne Marzipan-Kugel von etwa drei Zentimetern Durchmesser, oder eine „Nuckelflasche“ mit gleichfalls bunten, etwa stecknadelkopfgroßen Zuckerperlen. Ich bekam diese süßen Perlen nie durch das Loch im „Nuckel“, sondern musste den Deckel abnehmen, was leider zur Folge hatte, dass das Fläschchen schnell leer war, weil ich immer gleich eine Handvoll der Perlen in den Mund steckte.

Während einem meiner Fieberträume, mit denen ich insgesamt einige Jahre meiner Vorschulkindheit ausfüllte, lag ich aus mir nicht mehr erinnerlichen Gründen im Ehebett des elterlichen Schlafzimmers und stellte begeistert fest, dass man an durch Aufwachen unterbrochene Träume beim neuerlichem Einschlafen mehr oder weniger bewusst wieder anknüpfen konnte, und ich träumte bei dieser Entdeckung nächtelang von Güterzügen, die an der Gardinenstange entlang fuhren, beladen mit unzähligen Fläschchen voller Zuckerperlen.

Folgte man der Hauptstraße auf der rechten Seite bis zum Ende und bog nach rechts ab, erlebte man eine Art Fortsetzung dieser Hauptstraße auf im doppeltem Sinne höherem Niveau. Es gelingt mir nicht, mein Dasein als Insasse der DaDaeR nur als eingeengt, betongrau usw. wahrzunehmen. Vielmehr glaube ich, dass sich die gesamtdeutsche Wahrnehmung, nicht nur davongekommen zu sein bei der letzten großen Katastrophe, sondern auch aufatmen und sich wieder unbeschwerte Lebensfreude leisten zu können, auch oder gerade in der Architektur der Muster- und Modellstadt Hütte zeigte. Zumindest sehe ich das bei ihrem heute das größte deutsche Flächendenkmal darstellendem Kern; da war Helle, Weite, Hoffnung, Ausblick, und dies scheint mir, ich wiederhole mich bewusst, keineswegs Ostalgie.

Hier, um die Ecke, gelangte man am Hotel vorbei auf eine weitere kleine Ladenzeile, der eine weitläufige Terrasse vorgebaut war, die man über einige Stufen erreichte, und dort gab es dann etwas Besonderes, auch nach heutigen Maßstäben.

Gleich das erste Geschäft war ein Feinkostladen, in dem mir meine Mutter, und nicht nur, wenn ich artig war, sondern auch, weil die Ärzte dergleichen empfohlen hatten, immer einmal wieder einen kleinen Becher Quarkspeise mit Früchten kaufte. Aus mir unbekannten Gründen waren meine Eltern, so sie überhaupt Freunde hatten, mit der Verkäuferin befreundet. Die Frau wirkte auf mich wie eine gütige, verschmitzte Mutter in einer Reklame für Feinkost, und das strahlte sie nicht nur auf mich aus, vielmehr hier etliche Kunden einen Menschen trafen, der seinen Platz gefunden hatte.

Mit der Tochter der Frau war ich ebenso lose befreundet wie meine Eltern mit ihren Eltern, und alle vier zogen mich mit dieser seltsam unverbindlichen Kinderfreundschaft auf. Das Mädchen ließ sich nicht von meinem weg Knallen beeindrucken, das ich regelmäßig praktizierte, wenn mir als Teilzeit-Autist Kontakt zu eng wurde (d. h., eigentlich normale Intensität zu erreichen drohte), sondern kam immer wieder auf mich zu, und das nicht, weil sie ein bisschen blöd gewesen wäre, sondern, weil sie nicht zuletzt dank dieser Mutter irgendwie in sich ruhte. Sie hatte flammend rote krause Locken, weit eindrucksvoller als etwa die Haarpracht von Pippi Langstrumpf, und erst Jahrzehnte später begriff ich, dass hier meine fast zwanghafte Fixierung auf Redheads herrühren dürfte. Als ich das Mädchen für ein halbes Jahr in der zehnten Klasse wiedertraf, wurde mir das nicht bewusst, und diese meine letzten Sätze sagen vielleicht mehr über meine Kindheit als ein ausführlicher Lebenslauf; nicht nur, weil ich in einem Milieu Uniformierter aufgewachsen wurde, war ich schon früh weggetreten

PS: Neue Alte Ladenstraße