Noch ’n Götzensturz… – ein heilsamer?

Das wiederholt sich zum wiederholtem Male; ich finde einen alten Beitrag aus meiner Feder bzw. Tastatur, fühle etwas wie Erstaunen, dass ich das geschrieben habe und denke, der wäre ja gar nicht so schlecht; dieser Beitrag ist vom 03.04.2015, ich habe ihn nur ein bisschen redigiert und poste ihn hier, weil er mir ganz brauchbare Gedanken zu enthalten scheint, die ich im mehrfachem Sinne festhalten möchte.

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Eine Blogfreundin hat mich sehr kürzlich auf diesen Beitrag aufmerksam gemacht, von dem ich nicht sagen will, er hätte mich umgehauen, weil mir das selbst langsam abgedroschen vorkommt, weswegen ich anmerke, und zwar hiermit, dass er in mir umgeht.

Eine Art Trend, dass alle vom Sockel geholt werden, das nichts mehr ist, wie es schien, dass alle Gewissheiten schwinden usw.? – Bla.

Mir ist bei der Lektüre eingefallen, dass ich einmal den Versuch gemacht habe, witzig zu sein, indem ich die sinngemäße Anmerkung Thomas Manns parodierte, Schriftsteller wären Leute, denen Schreiben besonders schwer fallen würde (was ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann); ich hatte launig-flippig vermutet, Psychologen wären Leute, denen Psychologie besonders schwer fallen würde (was ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann).

Ich erwähne das hier, weil sich wieder einmal eine witzig gemeinte Bemerkung als traurig ernst zu erweisen schien. Womöglich werden besondere Leistungen erbracht von Leuten, die an etwas arbeiten, was ihnen gar nicht liegt, was für sie, zumindest zunächst, ausgeschlossene Wirklichkeit  ist usw.

Ich habe das schon mehrfach zu thematisieren versucht, indem ich etwa anmerkte, und gleichfalls nicht nur als faden Joke, Zuckerberg hätte die Gesichtsbücherei nicht eröffnet, trotzdem er ein leichter Soziopath oder Aspie usw. wäre, sondern gerade drum, und diese Wahrnehmung seiner Person wurde von Leuten geäußert, die ihn entschieden besser kennen als ich. Womöglich war Martin Buber zunächst kein Meister des Gespräches, sondern gleichfalls leicht autistisch; da er im Gegenteil gewaltige Mühen darauf verwenden musste, Zugang zum Dialog zu finden, wurde er zum Meister des Ich und Du, und durch die umfangreiche Dokumentation dieses Prozesses zum geistigem Führer*. Lily Cole war nicht nur nicht von Zeige- und Geltungsdrang erfüllt, sondern derart schüchtern, dass sie weg gelaufen ist, als sie von einem Scout angesprochen wurde, und heute ist sie ein Supermodel. Usw.

Unabhängig von der Haarfarbe der letztgenannten Zeitgenossin will ich mit diesen drei Beispielen darauf verweisen, dass Befreiung, ins Freie kommen, immer mit der Integration abgespaltener, ausgeschlossener Wirklichkeit zu tun haben könnte, wobei dieser Ausschluss nicht nur auf äußere Umstände zurückzuführen sein dürfte, sondern auch oder gerade auf Konditionierung durch Erziehung.

Womit ich wieder beim Ausgangspunkt wäre, nämlich bei Alice Miller; es bedurfte 70 Jahre relativen Friedens, um Tragödien wie die der Familie Miller in die öffentliche Diskussion zu bringen…

* Da ich auch Klemperers „LTI“  kenne, habe ich bei der Verwendung des Wortes „Führer“  an dieser Stelle ein besonders blödes Gefühl, aber mir fällt kein passenderes Wort ein.