Symptom Theoriebildung

Hier spinne ich mir Einen an; ich kann nicht anders und ich habe dergleichen schon des Öfteren erfolglos abzustellen versucht (vor allem durch verbissenes Lebenszeit runter hacken in Hilfsarbeiten, um die Eltern zu bestrafen usw.); zudem ist, worauf ich bereits im Seitentitel verweise, Theoriebildung ein störungsspezifisches Symptom, *hüstel*…
 
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, bei kontinuierlichem Studium („Studium“ hier im weitestem Sinne, nicht nur im Sinne universitätlicher Exerzitien), zu dem ich zu faul, zu träge, zu alt, zu resigniert, zu depressiv usw. bin, könnte ich das vielleicht alles systematisierter und verständlicher präsentieren.
 
Man stelle sich vor, dies wären Berichte an mein Command Center, chch (man braucht diesen „archimedischen Punkt“, von dem aus man, einigermaßen gesichert, einen Überblick, möglicherweise sogar über das Ganze, wenigstens versuchen kann, sonst wird man ballaballa, q. e. d.) – Bla.

Geschichte könnte als Kampf in irgend einer Weise Desintegrierter um ihre Integration gesehen werden.
 
Menschen sind in irgend einer Weise „draußen“ und wollen „rein“, was sich eben nicht auf die materiellen Grundlagen wie Eigentum, zum Beispiel oder vor allem an Produktionsmitteln, beschränken dürfte.
 
Dies hat der reale Sozialismus deutlich gezeigt, denn auch dort gab es, wieder oder erst recht, oben und unten, drinnen und draußen, „wir“ und „die“, im Extremfall die Vorhut und die feindlich Negativen usw.; d. h., es existierte in der neuen Gesellschaft erst recht eine Art soziales Gefälle, das nicht oder nicht allein ökonomisch erklärt werden kann, da die wesentlichen materiellen Werte real Gemeingut waren.

Einer der wesentlichen menschlichen Antriebe könnte darin bestehen, zu der Gruppe gehören zu wollen, die im eigenem Soziotop als tonangebend empfunden wird.
 
Das kann alles bedeuten, nicht nur etwa die Teilhabe unterdrückter Klassen am Privateigentum und dgl., siehe eben oben. Die „Barbaren“ etwa wollten im Wortsinn „rein“, ins Römische Reich. Menschen aus den Dritte-Welt-Ländern strömen in die Konsumparadiese. Um dazu zu gehören, muss man in die und die Partei eintreten. Man muss unterschreiben, wenn ein Genosse Tschekist kommt. Man sollte ein Haus am Starnberger See bewohnen oder in Grünwald. Kids benötigen dringend die und die Schuhe, die und die Kopfbedeckung, um in, „drin“ zu sein. Der gemeine Mitti (homo sapiens honeckerensis) will Bananen und an die Singspieltische auf Mallorca usw., denn dies nämlich ist Freiheit. Usw.
 
Entscheidend könnten die Wahrnehmungsmuster sein, nicht Art und Grad materieller Versorgung.

Geschichte scheint Geschichte von Traumatisierungen.
 
Als ein roter Faden der Geschichte könnte Gewalt gesehen werden. Der Frage, ob dies „normal“ im Sinne von menschenwürdig wäre, scheint erst ernsthaft nachgegangen werden zu können mit dem Erreichen eines menschenwürdigen Levels materieller Absicherung für alle. Zumindest in den hochentwickelten Industriestaaten scheint dieses Level für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung oder gar für alle erreicht. Damit entsteht Raum, das eigentlich menschlich Wesentliche in den Fokus der Betrachtung zu rücken, die psychische Dynamik. Diese Entwicklung begann zuletzt, augenfällig über Fachkreise hinaus, mit Freud und den Folgen und wird forciert durch den gegenwärtigen Boom seelischer Heilungs- und Selbstvervollkommnungs-Techniken von Esoterik über Coaching in allen Lebensbereichen bis zur Psychotherapie.
 
Immer wieder aber wurde in der Geschichte, wenn in eben angedeuteter Weise Raum für Psychoclub zu entstehen „drohte“, die materielle Basis zerstört; möglicherweise ist das eine Art psychosoziales Grundgesetz oder dgl.
 
Als gelernter DDR-Bürger war ich etwa verblüfft feststellen zu müssen, dass die von Stefan Zweig in der „Welt von gestern“ beschriebenen „Grundempfindungen“ mir alle sehr bekannt vorkamen; es ist vollbracht, wir haben es geschafft, der Frieden ist sicher und der Fortschritt garantiert, es ist abzusehen, dass Mängel mittel- oder langfristig abgestellt werden, die Vernunft scheint endlich Politik und Wirtschaft zu bestimmen usw. usw. usf.; ich habe es mindestens merkwürdig gefunden, dass ich unter denkbar anderen ökonomischen und ideologischen Bedingungen das alles kannte.

Revolutionen als Höhepunkte der Geschichte könnten als gewaltsame Durchbrüche ins Hier und Jetzt gesehen werden; nichts gilt mehr, alles ist auf- und umgebrochen, was selbstverständlich, gar göttliches oder wissenschaftliches Gesetz schien, alles scheint für einen Augenblick möglich usw. usf.
 
Nicht nur einzelne „Erleuchtete“, Gurus, Vordenker, „Führer“ usw., sondern Massen sind ganz da, im Hier und Jetzt anwesend usw. „Glück ist ganz da sein!“, J. R. Becher. Seltsamer Weise (?) deckt sich diese Aussage mit durchaus aktuellen Wahrnehmungsmustern wie, als ein Beispiel, dem Konstrukt des Flow von Mihály Csíkszentmihályi.
 
Seit Freud und den Folgen ist dieser Durchbruch ohne Gewalt möglich, allerdings nicht als Ereignis, sondern als Prozess. Dieser bittere Weg der Selbsterkenntnis ist beschwerlich; Randalieren in der Stasi-Zentrale usw. usf. ist einfach cooler.

Ein wirklich freier Mensch dürfte immer ein schöpferischer Mensch sein; d. h., auch oder gerade „Freiheit“ könnte eher ein innerer Wert sein, nicht ein äußerer. Der Künstler wäre zuerst der Schöpfer seiner selbst, dann erst seiner Werke. Dies unabhängig von seinen Voraussetzungen wie Gene, Milieu, Art und „Ort“ der Begabung usw. Ein typischer Versuch der Postmoderne, das nicht schöpferisch sein können zu kompensieren, könnte die Uniform als eine Art Außenskelett sein, dies mit bekannten Folgen.

Der typische Künstler der Postmoderne könnte das Model sein. Das Model steht völlig für etwas außerhalb seiner Person. Paradoxer wie dialektischer Weise wird dies umso augenfälliger, je mehr persönliche Substanz ein Model mitbringt. Die Mode ist daher in gewissem Sinn und Maß „Sprache“ der Postmoderne.
 
Ein wesentlicher menschlicher Antrieb könnte darin bestehen, die Wirklichkeit ganz erfassen zu wollen, d. h., zu erfassen nicht nur in den ohne Weiteres, etwa durch Geburtsort, soziale Herkunft usw., zugänglichen Bereichen.
 
Die Mode ermöglicht unter anderem zumindest symbolischen Zugang zu nicht ohne Weiteres zugänglichen Arealen des Bereiches, über den sich die jeweilige Gruppe geeinigt hat, dass er die so genannte „Realität“ wäre. Ein schrecklich vereinfachtes und deshalb mühelos verständliches Beispiel wäre ein wohlhabendes Kind aus der Oberschicht, das in Spezialboutiquen eine Halskette mit vergoldeter Rasierklinge sowie kunstvoll zerrissene Jeans für viel Geld erwirbt, um auf symbolische Weise an der Lebenswelt eines Underdogs aus dem Bahnhofsviertel teilhaben zu können. Usw. usw. usf.

Das typische Kunstwerk der Postmoderne scheint die Patchwork-Decke. Die Patchwork-Decke ist zusammen gesetzt aus Resten, Fetzen, Stücken, Versatzstücken usw. der in der Vergangenheit angesammelten eigenständigen Beiträge. Die Patchwork-Decke ist das Beispiel einer Coverversion, und Coverversionen scheinen die Gegenwart zu dominieren.

Als typisches Bauwerk der Postmoderne könnte die Litfaßsäule gesehen werden. Die Litfaßsäule ist überaus solide gebaut und im Wortsinn eine runde Sache, aber innen leer und völlig bedeutungslos. Unter Umständen wirkt sie sogar störend ohne die von Anderen von außen aufgeklebten An- und Aussagen.

Typisch für die Postmoderne scheint der Versuch, seelische Probleme durch Technologien zu lösen.
 
Es ist etwa nicht klar, ob das Internet für schizoid und schizotyp Strukturierte sowie Borderliner besonders geeignet ist oder ob es sich derart schnell und umfassend entwickeln konnte, weil Zahl und Einfluss derart Strukturierter zunehmen. Zum Beispiel hat Zuckerberg „Facebook“ nicht gegründet trotzdem, sondern weil er (und zwar nach vielen Aussagen von Leuten, die das weitaus besser einschätzen können als ich!), ein „leichter Aspie“ oder gar ein „milder“ Soziopath zu sein scheint oder schien. Die Technologie ermöglicht auch und gerade Leuten, sich mitzuteilen, zu teilen, die durch Defizite und Defekte dabei eingeschränkt scheinen.

Kamera und Auto könnten als die Zentral-Apparate der Postmoderne bezeichnet werden.
 
Die Kamera wäre dann das technische Äquivalent der frühen Mutter. Sehr viele Menschen wurden, vereinfacht gesagt, in früher Kindheit nicht im eigenem Recht wahrgenommen, „gesehen“, insbesondere von der Mutter. Die Kamera bewirkt auf technischem Wege, was die frühe Mutter nicht leisten wollte oder konnte (weil sie etwa, im Extremfall, hungernd und in Todesangst durch die vielen brennenden Ruinen des XX. Jahrhunderts geirrt ist). Die Kamera ist wie die „gute“ Mutter immer im Hintergrund präsent auch oder gerade, wenn man ihrer nicht gewahr ist. Die Kamera „sieht“ alles, selbst oder gerade das, was man an sich selbst nicht wahrzunehmen vermag, weil man sich nicht von außen sehen kann. Die Kamera nimmt alles wahr und speichert alles, ohne zu werten, zu urteilen usw. Auch deshalb könnten wir in einer zunehmend von visueller Wahrnehmung und visuellen Kommunikaten dominierten Medienkultur leben.
 
Das Auto könnte als die höchst entwickelte technische Verkörperung des Empfindens von Omnipotenz gesehen werden. Dieses Allmachtsgefühl war nur in frühester Kindheit zu erleben, vor allem im Mutterleib, dem Ursprung allen Strebens nach einem Paradies. Vollkommen geborgen und geschützt oder zumindest das Gefühl dieser Vollkommenheit erlebend und eingebettet in ein grandioses Set von Materialien und Geräten auf dem höchstem technischem Entwicklungsstand erlebt man kleine Manipulationen an Hebeln, Schaltern, Knöpfen usw. als Auslöser großer Wirkungen. Nirgendwo sonst scheint der postmoderne Mensch ganz bei sich selbst und auf der Höhe der Zeit, sprich von Technik und Technologie, wie im Auto. Daher z. B. die mörderischen Impulse aus diesem Allmachts-Gefühl heraus bei banalen Anlässen, etwa bei Missachtung der eigenen Vorfahrt durch einen anderen Verkehrsteilnehmer usw.

(… die folgenden Gedanken passen nicht in die Reihe, ich füge sie hier nur an, um sie eben irgendwo untergebracht zu haben…)
 
Viele Werke der Popkultur, insbesondere Filme wie Western, Action-Videos usw., scheinen auch Versuche zu sein, des Problems Abgrenzung, und damit Identität(sbildung), habhaft zu werden aus der Sicht der „Unterschicht“ (und auch hier wieder der Hinweis, dass diese Behauptung nicht menschenverachtend oder dgl. ist, weil ich selbst U-Schichtler bin, nur gab mir ein Teufel, „zu sagen, was ich leide“); da deren Angehörige derart „geschädigt“ sind oder zumindest defizitär in ihrer vor allem emotionalen Entwicklung, dass sie das Phänomen Abgrenzung nicht wirklich verstehen (können), das die, „die da oben“ usw., beherrschen, weshalb es verzerrt wird bis zur grotesken Überzeichnung etwa im Bild des harten einsamen Reiters, der männlich-herb durch die zusammen gebissenen Zähne zischt usw. (was mich übrigens bereits als Vorschulkind zutiefst erheitert hat, ich war halt schon immer ein nettes Mädchen).

Popkultur scheint in gewissem Sinn und Maß demokratisch oder demokratisierend, weil „banale“, alltägliche Empfindungen, Gedanken und Erlebnisse von Ottilie Normalverbraucherin im doppeltem Sinn aufhebend, einmal im Sinn von konservierend und dann im Sinn von zu dem Erhabenen gestaltend, dessen Anfertigung Kunst schon immer ausmachte, als einer Art höheren, intensiveren Lebens.