Webchenweise

Beiträge aus dem Internet, vor allem audiovisuelle Kommunikate, die mich schwer beeindruckt, hingerissen, erschüttert haben usw. und zu denen ich die eine oder andere Wortgruppe hoffentlich nicht ganz kunstlos gruppiere.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Freudeskreises Anna Lyse würden bei der Rezeption des grandiosen Filmchens womöglich schier schnurstracks von magischem Denken  sprechen, aber das haben sie kostenlos auf ihren Inselchen der Seligen.

Außer dem Irrsinn und Schwachsinn, der täglich aus -zig Kanälen Ottilie Normalverbraucherin überschwemmt, findet man trotzdem und dennoch und immer wieder solche Leid- und Zeitgenossen, die von Wundern menschlicher Wandlung träumen usw.

Das sind alles blechern klimpernde Worte; ich sehe das Teil einfach immer einmal wieder als Nr. 1 nicht nur in der losen Reihung von Beiträgen auf dieser Seite, sondern auch in meinem individuellem imaginärem Ranking.

Auch ich war einmal ein Kind, als das ich immer einmal wieder und ganz heimlich von derartigen fantastisch versponnenen Aktionen geträumt habe, mit denen Alltag erhöht und, igitt, verzaubert  würde, nur wurde das dann recht früh ausgetrieben; vielleicht aber macht es Künstler vorzüglich aus, sich Fähigkeit und Bereitschaft zu solchen Aktionen zu bewahren, während das Handwerklich-Spezialistenhafte sekundär ist…

Es ist sehr wahrscheinlich, dass außer mir noch andere Leute den Eindruck haben könnten, dass Animationsfilme immer wieder normalen  Spielfilmen den Rang abzulaufen scheinen, siehe „Merida“, „Ratatouille“, „Oben“  usw. usw. usf., und die hier von mir geposteten Videos sind zwar Kurzfilme, aaaber… Zudem sind die nach diesen Zeilen folgenden drei Clips mit Blender gemacht; einer grandiosen Software, die nichts kostet und von der ich hoffe, dass ich sie noch bis 2026 gelernt  haben werde, und auch das wieder mit dem Hinter- oder „Unter“-Gedanken, dass die Sehnsucht des „Bajazzo“  Thomas Manns, sich möglichst in allen Künsten gleichzeitig ausdrücken zu wollen, heute in gewissem Sinn und Maß für Ottilie Normalverbraucherin realisierbar erscheint, nämlich am PC…

Hier denke ich, und das ist vielleicht etwas abseitig, in der Tat, an eine Kritik von Tarantinos „Death Proof“, in der dem Regisseur unterstellt wurde, sinngemäß, in Geheimnisse eines Frauenzirkels eindringen zu wollen, bis zu denen Männer angeblich oder tatsächlich nicht vorgelassen werden.

Das ist das Eine; das Andere ist, dass ich die Frollein einfach knutschen könnte, und ich hoffe, das ist nicht latent pädophil, und das würde ich auch sagen, wenn die Sängerin mit dieser Wahnsinnsstimme eine andere Haarfarbe hätte, *hüstel*; lasst Opa Ron doch das bisschen fun, er tut doch niemandem was… Ich fürchte, nie so jung gewesen zu sein, aber es geht gar nicht um Neid und Eifersucht, vielmehr ich natürlich auch ähnliche Jungen-Runden erlebt habe, von denen ich mich jedoch abgesondert habe, um zu lesen, als hätte ich noch was zu erledigen, abzuarbeiten oder dergleichen, bevor ich als Gleicher unter Gleichen hätte teilnehmen können; um Außenseiter sein zu können, braucht man erst recht eine Gruppe. Zudem haben wir nichts zusammen gemacht, sondern nur abgehangen  oder, um ehrlich zu sein, allerlei dumme Sachen verzapft.

Schließlich fällt mir noch Sloterdijk ein, von dem ich mir einbilde, Einiges gelernt zu haben. Ein Grundgedanke dieses Philosophen, den ich meiner Achtel-Bildung hinzufügen zu können begeistert war, besteht wohl in der sinngemäßen Behauptung, man hätte in der Geistesgeschichte viel zu oft gewissermaßen fertig ausgebildete Künstler betrachtet und besprochen, und „ausgebildet“  hier im mehrfachem Sinne, und viel zu wenig auf den lernenden, sich seiner selbst bewusst werdenden, kurz, den sich in statu nascendi  befindenden Künstler geachtet; dieses Video zeigt eine Künstlerin, die erst dabei ist, wirklich eine zu werden, abseits aller professionellen Darbietung, und gerade deshalb ungeheuer sympathisch erscheint.

(… das ist sehr durchsichtig, nicht wahr… der Klient Opa Ron wünscht, im Unbewusstem, als Wundergreis entdeckt zu werden… ich hab‘ mich doch durchschaut, Leute… was soll ich bei Dr. Anna Lyse – ich mache das alles gleich selbst…)

Die beiden nächsten Videos gehören gewissermaßen in diese Reihe, da sie zu eben oben geäußerten Gedanken passen, oder, im Falle der japanischen Mädchen, zu Sloterdijk, denn der Philosoph hat an anderer Stelle die Befürchtung geäußert, wiederum sinngemäß, das ermattende Abendland könne von den senkrecht startenden östlichen Kulturen überrannt werden, was mir sehr plausibel erscheint, wenn ich die ach, so süßen Girls los brettern höre. Kurzum – beide Videos zeigen knallharte Rocker

„Kurzer Abriss des 20. Jahrhunderts“  fällt mir dazu ein, dargeboten in sich ins Gehirn einhämmernden Rhythmen und in im mehrfachem Sinne starken Bildern; mehr muss man dazu auch nicht sagen, wie mir scheint…

Ich glaube, ganz ernsthaft, dass ich bei keinem Video so gelacht habe wie bei diesem, natürlich nicht laut, was sollen denn die Leute denken, und im nächstem Leben werde ich auch voll lebenslustig, des seiest Du gewiss, herbe Dame Welt…

An den ersten Aha-Effekt  in diesem Zusammenhang kann ich mich gut erinnern. In einem Trödel-, Kram- und Secondhandladen in den S-Bahnbögen zwischen Alexanderplatz und Hackeschem Markt fand ich eine Kiste mit alten Postkarten aus Ostpreußen, unter anderem Königsberg abbildend, und beim Anblick mehrerer Karten mit Hafenansichten hatte ich den Gedanken, dass diese Bilder sehr, und sicher nicht nur mich, an den Hafen in Eisenhüttenstadt erinnern würden, meinem Geburtsort.

Das war eine Art Initial-Zündung, nach der oder durch die ich mich bewusst mit dem Thema Ostpreußen zu beschäftigen begann; bis dahin hatte ich nur immer Zufallstreffer wie den eben oben beschriebenen erlebt. Das Argument, Häfen sähen halt überall ähnlich aus, ist nicht von der Hand zu weisen, aber ich habe bereits als Vorschulkind wahrgenommen, wenn auch nicht ausgesprochen, und wem gegenüber hätte ich das auch tun können, dass die Sonntagsspaziergänge mit meinem Vater etwas Zwanghaftes hatten, immer am Kanal entlang, an den Kränen, Lastkähnen und dem großem Speicher.

Irgendwann bemerkte ich dann eine weitere Ähnlichkeit von Königsberg/Kaliningrad und Eisenhüttenstadt, und das kam mir an den Haaren herbei gezogen vor, dabei handelt es sich um Fakten, die unabhängig von meinem Geisteszustand existieren, nämlich die großen innerstädtischen Rasen-Flächen, auf denen früher Wohnhäuser gestanden haben.

Erst mit 40+ begann ich zu begreifen, dass und wie sehr ich geprägt wurde durch die traumatischen Erlebnisse, die meine Eltern durch Krieg und Nachkrieg erlitten hatten, und insbesondere mein Vater bei der Vertreibung aus Königsberg. Um hier nicht wieder ausufernd zu texten, sei erwähnt, dass eine der Mitgliedinnen des Freudeskreises Anna Lyse, die sich an mir abmühten, die Problematik auf den Punkt gebracht hat mit den sinngemäßen Worten, eigentlich wäre ich der Flüchtling und die seelische Waise; mein Vater war bis kurz vor der Wende berechtigt überzeugt, Vollwaise zu sein; erst dann stellte sich heraus, dass seine gesamte Verwandtschaft in der damaligen BRD gelebt hatte oder noch lebte.

Natürlich habe ich schnell bemerkt, immerhin, dass ich nicht der einzige Betroffene war, dass auch in vielen anderen Menschen Themen wie Ostpreußen, Flucht und Vertreibung umgingen. Auch hier hatte ich ein kleines Aha-Erlebnis, als ich an eine Lübecker Einrichtung schrieb, in der die amtlichen Unterlagen der ehemaligen deutschen Ostgebiete verwaltet wurden. Ich kam mir dämlich vor, als ich mich mit der Bitte um Nachforschungen über meine Vorfahren an die Einrichtung wandte, was mir schnell als typisch klar wurde; wenn ich mich auch nur in Ansätzen in eigenem Recht in eigener Sache bemühte, wurde ich sofort von Scham- und Schuldgefühlen bedrängt. Dementsprechend war ich überrascht, als ich um Geduld gebeten wurde, weil zahlreiche Anfragen aus der ehemaligen DDR vorlägen. Einige Jahre nach dem Start von Wikipedia erschien gar, als ich dort „Dörfer“  eingab, als Tooltip „ostpreußische Dörfer“; leider habe ich keinen Screenshot gemacht.

Auch zu diesem Video habe ich eine Assoziation, die mir nicht normal  erscheint. Mir fällt der Schriftsteller Volker Braun ein, der schriftlich darüber phantasierte, und bereits vor der Wende, wie eine gewollte und bewusste Völkerwanderung aussehen könnte, bei der sich jeder in die äußere Landschaft begeben könnte, die seiner inneren Landschaft  entspräche. Gäbe es Menschen, die sich in eine Lebenswelt  begeben würden wie die des alten Ostpreußen, der, gnihi, seinen Hund „Trotzki“  ruft? Wird nicht etwas fehlen, wenn so was  endgültig verschwunden ist? Für zahlreiche Pflanzen werden inzwischen atombombensichere Samenbanken angelegt, um im Falle der ganz großen Katastrophe auf das Saatgut zurückgreifen zu können… Bla.

Die Geschichte finde ich grandios, zumal sie authentisch ist. Ein Musikkritiker, ein gestandener Mann, der sich bereits einen Namen gemacht hatte, ist vom Weg abgewichen, raus aus der Spur gekommen usw., und hat eine Entdeckung gemacht, mit der niemand gerechnet hätte, er selbst am wenigsten. Wenn ich mich recht entsinne (was in diesem Kontext nebensächlich ist, ich streue es nur ein als Freund des gepflegten öffentlichen Selbstgesprächs), hatte er einen Zug oder Flug verpasst oder ein Termin war ausgefallen oder was auch immer, und der Mann ging, völlig außerplanmäßig, um es noch einmal zu betonen, zu einem Konzert Gerhard Gundermanns – und war völlig aus dem Häuschen… Wenn ich mich weiterhin recht entsinne, äußerte er gar, sinngemäß, Gundermann wäre der beste deutsche Liedermacher, Rockpoet usw. Um zu verhindern, dass jetzt jemand die Ostalgie-Keule schwingt, muss ich erwähnen, dass der Mann ein sogenannter Wessi war, tandaradei…

Gundermann ist der beste deutsche Liedermacher… Warum? Weil er etwas schafft, was sonst keiner in dieser Quantität und Qualität gebacken bekommt, nämlich das Volksliedhafte mit allen möglichen Stilrichtungen moderner Pop- und Rockmusik zu verbinden, und dann ist da aber auch noch etwas wieder in Worten schwer Erfassbares, eine Art nicht depressiver und nicht resignierter Weltschmerz, ein Leiden am Leben, weil das ebenso einmalig wie vergänglich ist, ein ganz da Sein für ein paar Augenblicke, das Gundermann nicht nur aushält (die übliche Reaktion des Männchens ist in diesen Momenten schütting in the Birne), sondern auch in Worte fasst, in wenige Worte, die vielleicht den Sachverhalt nicht ganz ausdrücken, aber ihn dennoch „transportieren“, während, nur als Beispiel, der Verfasser dieser Zeilen viele Worte macht, um im Grunde mitzuteilen, dass er sich nicht wirklich mitzuteilen weiß.

Gundermann hat es in vielen seiner Lieder geschafft, zum ganz einfachem einfach Menschlichem vorzudringen (was sonst in dieser unserer dynamischen usw. Postmoderne im günstigem Fall in der Therapie gelingen könnte), in der Partnerschaft, in der Eltern-Kind-Beziehung, überhaupt in der Weitergabe von Erfahrungen über Generationen usw., und dies in einer Art, die man aus alten Volksliedern kennt oder aus den Werken vor allem östlicher Autoren, die dieses einfach Menschliche dergestalt geschildert haben, dass man meint, es mit Volksdichtung zu tun zu haben, nicht mit Kunstprosa, als ewiger Hilfsgeselle verweise ich hier auf Meister Aitmatow.

Es gab, igitt, ich bekomme Hirnhautausschlag, allseitig entwickelte Persönlichkeiten unter unseren sozialistischen Menschen, Gundermann war eine, aber er war eben die absolute Ausnahme, nicht die Regel, wie Organe (heute Printmedien) vor der Wende gebetsmühlenartig versicherten. Er war Nichtraucher, Nichttrinker, hat als Rocker nicht einmal Drogen genommen (wie langweilig!) und begann im relativ hohem Alter (ich bin jetzt 55 und für den Arbeitsmarkt so gut wie tot) eine Umschulung, obwohl er längst von seinen Einnahmen als Künstler hätte leben können, weil er nicht „abheben“, den Kontakt zum Boden im mehrfachem Sinne nicht verlieren wollte. Und so weiter – kann man alles nachlesen.

Desto mehr Zeit seit der Wende vergeht, desto öfter scheint mir, dass es realen Sozialismus im „realen Sozialismus“ gegeben hat – in Songs, Filmen und Büchern, auf einer immateriellen Ebene…

Bla.

Auch ich habe erkannt, dass, wenn man erst einmal halbwegs für die sogenannte Realität taugliche Muster der Wahrnehmung und Wertung gefunden hat oder gefunden zu haben glaubt, sich immer wieder Eindrücke und Erlebnisse ergeben oder sich von selbst zu ergeben scheinen, die zu beweisen scheinen, dass diese Wahrnehmungsmuster adäquat wären. Seitdem ich zum Beispiel meine Überzeugung in Worte zu fassen vermochte, dass seit dem Untergang des Bürgerlichen nichts wirklich Neues oder gar Besseres gekommen wäre, finde ich überall Bestätigungen dieser „These“.

Dieses Video ist eine solche Bestätigung; da kommt was rüber  aus einer verlorenen oder jedenfalls versunkenen Zeit. Mir ist „Das Kabinett des Doktor Parnassus“  von Meister Gilliam eingefallen; die Szene, als unsere aktiven, dynamischen usw. jungen kapitalistischen Menschen sich schief lachen über diese Freaks mit ihrem beklopptem Wandertheater.

Als kleiner Junge war ich oft in Fürstenberg an der Oder, der „Altstadt“ Eisenhüttenstadts, in mehreren Läden, die ebenfalls dieses Fluidum ausströmten; eine Ladenglocke bimmelte beim Betreten der Geschäftsräume, während man ein paar Stufen hinab stieg, es roch auf ganz eigentümliche Weise, kurz, es ergaben sich sinnliche Eindrücke, nicht nur Gedanken, die auf eine Vorgeschichte verwiesen, welche zwar heftig abgebrochen worden war, einmal in Braun und einmal in Rot, aber in Bruchstücken überall vorzufinden.

Dass ich mit dieser Meinung nicht völlig falsch liegen könnte, wurde mir ausgerechnet in Fürstenberg bestätigt. Da ich seit 1990 nicht zu Hause  gewesen war, sondern erst 2008 wieder in E-Stadt leibhaftig erschienen, war der Vorher-Nachher-Effekt für mich besonders stark.

Im Wortsinne augenfällig wurde, wie sehr man insbesondere bauliche Substanz 40 Jahre lang hatte verlottern lassen; als Überbleibsel der alten Gesellschaft, die wir im Zuge unserer gesetzmäßigen…, bla bla bla. Inzwischen waren fast alle Häuser des über 700 Jahre alten Ortes liebevoll und fachgerecht saniert, er sah teilweise aus wie Klein-Lübeck, und die Straßenschilder waren beschriftet – in Fraktur… Diese Details hatte ich, wohlgemerkt, nicht in meinem verwirrtem Geist ersonnen, die existieren unabhängig davon.

Wie nicht anders zu erwarten, das ist Dialektik, findet sich gerade in Feldern gegenwärtigen Lebens wie Internet oder PC-Games dieser Effekt der Epochenverschleppung  (Gregor von Rezzori), den zu beschreiben ich mich hier bemühe; aber auch aus der Winkelgasse bei „Harry Potter“  kommt Old England rüber usw. Beim Spielen von „Syberia“  möchte ich hinein kriechen in die Game-Maps, die dieses gewisse Etwas  ausströmen, unabhängig von den grandios gezeichneten Landschaften; der Autor des Spiels ist kein Programmierer, sondern Absolvent des Studiengangs „Comic“ einer Brüsseler Hochschule, was auch nicht die Regel scheint.